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Letztes Update: 18.07.2019 17:45

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Vote and dance for Tolerance - Tolerade 2019

Manch eine*r staunte nicht schlecht, als sich die Straßen Dresdens vor knapp zwei Wochen in einen riesigen Dancefloor verwandelten und sich eine bunte und tanzende Menschenmasse wie eine vergnügte Raupe durch die Stadt wälzte. Unter dem Motto „Müssen wir immer erst laut werden? - Vote and dance for Tolerance“ fand die nunmehr fünfte Tolerade statt und demonstrierte mit viel Herz und noch mehr Bass für ein offenes und tolerantes Miteinander. Was es eigentlich damit auf sich hat und warum alljährlich hunderte Dresdner*innen ihre Zeit und Energie in das Projekt Tolerade stecken will dieser Post einmal wiedergeben


Manch eine*r staunte nicht schlecht, als sich die Straßen Dresdens vor knapp zwei Wochen in einen riesigen Dancefloor verwandelten und sich eine bunte und tanzende Menschenmasse wie eine vergnügte Raupe durch die Stadt wälzte. Unter dem Motto „Müssen wir immer erst laut werden? - Vote and dance for Tolerance“ fand die nunmehr fünfte Tolerade statt und demonstrierte mit viel Herz und noch mehr Bass für ein offenes und tolerantes Miteinander. Was es eigentlich damit auf sich hat und warum alljährlich hunderte Dresdner*innen ihre Zeit und Energie in das Projekt Tolerade stecken will dieser Post einmal wiedergeben.

Foto: Reiko Fitzke

Es ist Montag der 20. Oktober 2014, als sich die neurechte Bewegung PEGIDA zum ersten Mal in der Dresdner Innenstadt versammelt um ihre rassistische, völkische und fremdenfeindliche Hetze zu verbreiten. In den darauffolgenden Wochen und Monaten steigen die Teilnehmer*innenzahlen rasant und auch der Ton verschärft sich, sodass der offensichtliche Rassismus und Hass der Bewegung überdeutlich zu Tage tritt und die mediale Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Auch wenn die Zahlen der Demonstrationsteilnehmer*innen mittlerweile wieder deutlich gesunken sind und sich zuweilen nur noch ein kleiner Haufen Pegidist*innen zusammenfindet um ein wenig verloren mit den schwarz-rot-goldenen Fähnchen zu wedeln, haben die mittlerweile mehr als vier Jahre, in denen sie ihr Unwesen treiben mehr als deutliche Spuren hinterlassen.

Ob dabei nun PEGIDA vom erstarken der AFD profitierte oder umgekehrt, sei dahin gestellt, unbestritten ist aber, dass die symbiotische Wechselbeziehung zwischen der rechtspopulistischen Partei und der islam- und fremdenfeindlichen Organisation ein braun-blaues Ungetüm hervorgebracht hat, das sich mittlerweile recht bequem in der Mitte der Gesellschaft eingenistet hat.

Es benötigt keiner besonderen Expertise um zu bemerken, dass sich der politische Diskurs immer weiter nach rechts verschiebt. Rassismus versteckt sich hinter einem irgendwie noch okayen „Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen“ - Gebaren und über Begriffe wie „Heimat“ und „Sicherheit“ zu diskutieren ist wieder en vogue ­­– nicht nur unter hartgesottenen AFD- oder CDU-Wähler*innen. In einem solchen Kontext sind verschärfte Polizeigesetze und das pathologische Lechzen nach „härterem Durchgreifen“ und staatlicher Kontrolle, nicht einzig Folge eines vom rechten Rand der Gesellschaft ständig reproduzierten, vagen Gefühls von Unsicherheit, sondern auch Epitom eines mehr als beunruhigenden Paradigmenwechsels innerhalb des gesellschaftspolitischen Diskurses.

Da Wörter wie „Volk“ und „Rasse“ doch etwas zu sehr Nazisprech klingen, bedient man anstatt offenkundig rassistischer, neuerdings lieber „ethnokulturelle“ Konzepte und redet von deutsch und/oder europäischer (Leit-)Kultur, die man angesichts zunehmender Überfremdung bedroht sieht.

Während auf dem Mittelmeer nach wie vor täglich Menschen ertrinken, werden Akteur*innen der zivilen Seenotrettung unter mehr als zweifelhaften Vorwänden vor Gericht gestellt und wie Straftäter*innen behandelt, werden Grenzen geschlossen und die Festung Europa mit immer mehr Stacheldraht umspannt, wird in Bayern ein Heimatministerium gegründet – ein symbolpolitischer Akt, der paradigmatisch für die Ausgrenzungsmentalität der Ewiggestrigen steht.

Soweit so ungut.

Was aber hat das alles mit der Club - und Musikszene zu tun? Und inwiefern ist Feiern politisch?

Zunächst einmal ist es natürlich der verbindende, grenzüberwindende Aspekt der Musik, der Menschen egal welcher Herkunft, Hautfarbe und sexueller Orientierung zusammenbringt. Clubs sind öffentliche Räume, in denen sich Menschen begegnen und eine gute Zeit miteinander verbringen können, denn beim Feiern gibt es kein trennendes Ihr/Wir – Hedonismus gehört uns allen.

Aber darüber hinaus bietet die elektronische Subkultur auch konkrete Freiräume innerhalb derer Visionen einer anderen Gesellschaft geträumt und gelebt werden können. Und vor allem darum geht es – nämlich um die Frage in was für einer Gesellschaft wir, nicht nur jetzt, sondern auch zukünftig, leben wollen. Wir könnten uns aus der Verantwortung ziehen, und den Diskurs denjenigen reaktionären Kräfte überlassen, die Ausgrenzung und Abschottung statt Inklusion und Toleranz propagieren oder aber wir stehen für einen solidarischen, menschlichen und von Empathie getragenen Umgang miteinander ein.

Foto: Ulrike Pfeifer

Das dachten sich auch die engagierten Menschen, die sich nach dem Erstarken von PEGIDA im Jahr 2014/15 zu einer losen Initiative aus Kulturschaffenden zusammenschlossen um dem kälter werdenden Klima in der Stadt etwas entgegenzusetzen. Vielfalt und ein achtsames Miteinander innerhalb der Dresdner Clubkultur zu fördern und dieses Bewusstsein auch in die Gesellschaft hineinzutragen, war und ist eines der Hauptanliegen der Beteiligten. In diesem Kontext und in Zusammenarbeit mit Akteur*innen der sogenannten Hochkultur feierte die Initiative 2015 ihren ersten Tole-Rave im europäischen Zentrum der Künste Hellerau. Es folgte die erste musikbegleitete Demonstration unter dem Namen Tolerade sowie im September 2015 die Fahrraddemonstration Toleride nach Freital.

Foto: Ulrike Pfeifer

Bald darauf entstand aus dem einst losen Kollektiv der Tolerave e.V., der sich weiterhin für ein breites Spektrum gesellschaftlicher Belange einsetzt. Dabei geht es einerseits darum, für die Bedürfnisse von Geflüchteten, Migrant*innen und anderen marginalisierten Gruppen zu sensibilisieren, andererseits aber auch um die Durchsetzung konkreter kulturpolitischer Ziele, wie etwa der Aufhebung der Sperrstunde, der Entkriminalisierung der Freetekk-Szene oder dem Schutz kultureller Freiräume. Neben dem Kuratieren von Konzerten und Partys organisiert der Verein daher diverse Diskussionsveranstaltungen, Workshops oder Projekte zur Ausarbeitung von Konzepten zu Awareness-Arbeit und einer möglichst diskriminierungsfreien Türpolitik. So sollen im Rahmen der Feierkultur Safe-Spaces kreiert werden, in denen jede*r so sein kann wie er*sie will, ohne sich vor Ausgrenzung und Diskriminierung fürchten zu müssen.

Foto: Ulrike Pfeifer

Mittlerweile nicht mehr alleiniges Haupt- aber sicherlich immer noch Herzensprojekt des Vereins ist die jährlich im Mai stattfindende Tolerade, eine Tanzdemonstration, die den Geist und die Anliegen des Tolerave e.V. auf die Straßen trägt um somit auch Menschen zu erreichen, die nicht mit der elektronischen Sub- und Clubkultur verwurzelt sind. Unterstützt wird der Verein dabei von unzähligen Künstler*innen, Musiker*innen, Clubbetreiber*innen, gemeinnützigen Organisationen, zivilgesellschaftlichen Akteur*innen, ehrenamtlichen Helfer*innen und und und. Zu nennen seien hier beispielsweise WOD – Initiative Weltoffenes Dresden, Arche NoVa e.V., Seebrücke Dresden, der sächsische Flüchtlingsrat, der Dresdner Tafel e.V., die Love Foundation, Mission Lifeline und viele weitere Unterstützer*innen, deren Auflistung jedoch den Rahmen sprengen würde.

Foto: Ulrike Pfeifer

Vor dem Hintergrund der anstehenden Europa- und Kommunalwahlen und unter dem Motto „Müssen wir immer erst laut werden? - Vote and Dance for Tolerance!“ fand am vorletzten Samstag die nunmehr fünfte Tolerade statt.

Trotz widriger Wetterbedingungen und einstelliger Temperaturen kamen sage und schreibe 10.000 Menschen zusammen um zum Wummern der Anlagen für Toleranz - und den braun-blauen Auswüchsen auf den Köpfen zu tanzen. Die 16 Wagen und LKW wurden von diversen Dresdner DJ-Kollektiven gestaltet und bespielt, sodass von A wie Acid, über Drum'n'Bass, Goa oder House bis T wie Techno zu allen möglichen Spielarten elektronischer Musik demonstranzt werden konnte. Die Route führte dabei ganz bewusst nicht nur durch die Neustadt, die ja gemeinhin als Blase des „linksgrün-versifften Gutmenschentums“ gilt, sondern schlängelte sich auch durch die touristisch geprägte Altstadt um eine noch größere Reichweite zu erzielen. Hier wurde auch die erste Zwischenkundgebung abgehalten, auf der den beteiligten Initiativen, wie etwa Herz statt Hetze, dem Atticus e.V., den kritischen Mediziner*innen und vielen mehr, Gehör verliehen wurde.

Foto: Ulrike Pfeifer

Nach der Abschlusskundgebung im Alaunpark, erreichte das bunte Menschenmeer am Abend dann schließlich das Industriegelände, und strömte von hier aus weiter in die verschiedenen Clubs der Szene, wo auf den Tolerade After-Partys bis in den späten Sonntagnachmittag hinein ausgelassen gefeiert wurde. Sämtliche Künstler*innen, die hier auftraten, verzichteten in dieser Nacht auf ihre Gagen, sodass der Erlös der Partys zur Refinanzierung der Parade genutzt und die überschüssigen Gelder an verschiedene Projekte und Organisationen gespendet werden konnten.

Foto: Ulrike Pfeifer

Auch wenn die Parade ein voller Erfolg war, die Herausforderungen an uns als Zivilgesellschaft bleiben bestehen. Die Wahlen stehen noch bevor und das mulmige Gefühl, das sich einem angesichts der aktuellen Umfragewerte der AFD ermächtigt, sollte jede*n daran erinnern, dass für untätiges Rumsitzen und lethargisches Abwarten schon längst keine Zeit mehr ist.

Es bleibt zu hoffen, dass die Tolerade uns alle daran erinnert hat, dass es immer noch unzählige Menschen gibt, die sich für ein anderes Miteinander stark machen und dazu beitragen konnte, neue Bande zwischen ihnen sowie den verschiedenen Projekten und Initiativen zu knüpfen.

Den grauen Regenwolken zu trotzen, bis sich am Ende der Demonstration doch noch die Sonne blicken ließ, darf hoffentlich als Metapher für einen Umschwung des gesellschaftlichen Wetters innerhalb Sachsens und Dresden gelesen werden.

Aber um es mit den Worten des Tolerave zu sagen: „Lieber jeden Tag schlechtes Wetter als Rechtspopulist*innen im Parlament!“

15.05.2019, 19:34 @ Ulrike
Kategorien: Dresden · Politik · Neustadt // Schlagworte: Tolerade · Subculture · Politics · Music